Zur Tragödie in Gerhausen – Suche nach Lichtblick

Von Pfarrer Dr. Anto Prgomet, Blaubeuren

Unser alltägliches Leben hat seinen gewohnten Ablauf. Wir stehen morgens auf, gehen zur Arbeit und nach der Arbeit schauen wir, dass wir die Arbeit zuhause erledigen können. Wir tun eben das, was zu tun wir gewohnt sind. Der Alltag geht so seinen Gang.

Die letzten Tage, also die Tage vor den Sommerferien haben diesen gewohnten Ablauf etwas ergänzt. Die einen haben sich auf die Schulferien gefreut, die anderen auf die Urlaubsreise, dazu die Sommerfeste.

Und dann passiert etwas, da erreicht uns die Nachricht von einer Tragödie in unserer Mitte. Und vieles, wenn nicht gar alles, wird auf einen Schlag anders.

Eine Familientragödie, die sich in den frühen Morgenstunden des 26. Juli in Gerhausen ereignet hat.

Und so deutlich führt sie uns vor Augen wie kostbar und vor allem wie zerbrechlich unser Leben ist.

Nun stehen wir da, tief traurig, fassungslos und überfordert, das Unbegreifliche zu verstehen. Das sind keine Schlagworte, noch weniger Floskeln, es ist eine Umschreibung, unzureichend zwar, aber doch eine Umschreibung dessen, wie es uns geht, was diese Tragödie mit uns macht.

Zwei getötete Kinder und ein Vater der sich anschließend selbst umgebracht hat. Dazu zerstörtes Leben der Familienmitglieder.

Wenn ein Mensch infolge seiner freien Entscheidung, also gewollt, aus dem Leben scheidet, das können wir vielleicht gerade noch respektieren. Es ist dabei allerdings immer die Frage, wie in einer Grenzsituation eine Entscheidung frei sein kann. Dass aber ein Mensch, anderen Menschen, und vor allem Menschen, die ihm anvertraut sind, in denen er selbst lebt, ein Ende setzt! -  wer kann das verstehen? Damit sind wir alle überfordert.

Fragen drängen sich auf: Warum? Wieso? - Verständliche Fragen, die nach einer Antwort suchen.

Verständlich ist genauso unsere Suche nach Antworten, Deutungen und Erklärungen die uns helfen sollen, das Unbegreifliche begreifbar zu machen.

So sehr es uns darum geht die Wahrheit zu kennen und diese beim Namen zu nennen, so gilt es doch zu bedenken: Was wissen wir letztlich von einem Menschen, was wissen wir davon, was in einem Menschen vor sich geht. Der Mensch ist und bleibt letztlich ein Geheimnis. Wer weiß, vielleicht hat sich die Tragödie, die uns alle jetzt fassungslos macht, schon lange angebahnt, vielleicht waren gewisse Anzeichen schon da, die wir als Umfeld nicht wahrgenommen oder nicht zu deuten gewusst haben. Manchmal habe ich den Eindruck: je mehr wir miteinander vernetzt sind, desto weniger kennen wir uns auch.

Dieses Wissen um Nichtwissen lässt uns in unserem Urteilen zurückhaltend sein. Dazu gibt es auch ein Wort im Neuen Testament, das es zu beherzigen gelte. Im ersten Korintherbrief nämlich schreibt der Apostel Paulus: „Wer zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt“ (1 Kor 10,12). Es ist ein Wort, das uns allen gilt.

Gott sei Dank, haben wir die dafür zuständigen Einrichtungen und Dienste, die uns durch ihre Arbeit Antworten geben können. Und doch passiert es, dass wir selbst da mit manchen unbeantworteten Fragen werden leben müssen.

Wir glauben, dass einer da ist, der alle Antworten hat und die letzte Wahrheit über unser Leben kennt. Gott selbst. Und gerade als Menschen, die sich zu Gott dem Schöpfer bekennen, können wir ihm das letzte Urteil überlassen.

Es gilt vielmehr, zu schauen, wie wir einander in diesem Leid beistehen und helfen können; es gilt zu schauen, wie wir mit dieser Tragödie leben können. Zu schauen, ob und wenn ja, wo es einen Lichtblick, eine Hoffnung gibt, die uns gewissen Halt geben kann?

Es fallen mir zwei Geschichten aus dem Neuen Testament ein, zwei Geschichten, die vom heilenden Handeln Jesu von Nazaret erzählen.

In der einen Geschichte geht es um einen toten jungen Mann, den einzigen Sohn einer Witwe. Jesus lässt sich von der Trauer der Betroffenen ansprechen, hält den Trauerzug an und holt den jungen Mann zurück ins Leben (Lk 7, 11-16).

In der zweiten Geschichte ist ebenfalls von einer Totenerweckung die Rede. Die Tote, ein Mädchen, die Tochter eines Synagogenvorstehers. Jesus geht hin, nimmt das Mädchen an die Hand und holt es zurück ins Leben (Mk 5,21-24;35-42).

In den Geschichten haben wir einen toten Jugendlichen und ein totes Mädchen. Hier haben wir einen toten Mann und zwei Töchter von ihm.

Wenn Jesus von Nazaret auch hier, gerade die beiden Mädchen von Gerhausen an der Hand gefasst und zu ihnen gesagt hätte: Mädchen, steht auf! Der Gedanke drängt sich auf, auch wenn wir wissen, dass diese Geschichte aus dem Evangelium sich so nicht wiederholen wird. Der Gedanke ist verständlich, genauso wie die Frage, die sich aufdrängt: „Gott, warum hast du das nicht verhindert?“ „Wie konntest du das zulassen?“ Das ist nicht nur eine verständliche Frage, das ist ein Gebet, für das nicht nur Gott ein offenes Ohr hat. Verständlich, weil menschlich, auch wenn wir wissen, dass wir nicht Gott für etwas verantwortlich machen können, wofür der Mensch verantwortlich ist. Gott trauert vielmehr mit uns und es fällt ihm sicher nicht leicht, auszuhalten, dass seine gute Ordnung so gravierend verletzt wurde.

Die erwähnten Geschichten aus dem Evangelium werden sich weder hier noch in anderen Fällen so wiederholen. Das, was hier passiert ist, wird auch Gott nicht rückgängig machen. Der Tod ist eine Realität in unserer Welt und ein Teil unseres Lebens der ernst genommen sein will. Auch uns, jede und jeden von uns, wird er unseren Tod sterben lassen. Selbst nach der Auferstehung Jesu Christi bleibt der Tod Teil unseres Lebens.  Und doch, seit seiner Auferstehung – so glauben wir – ist die Tragweite des Todes eine andere. Er hat, mag er noch so endgültig sein, nicht mehr das letzte Wort.

(Blaubeuren, 1. August 2019)